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Jenseits von Gut und Böse

by Friedrich Wilhelm Nietzsche

de · ~245 min at 250 WPM

Vorausgesetzt, die Wahrheit sei ein Weib – mit dieser provozierenden Frage eröffnet Nietzsche seine Streitschrift gegen die Philosophen der Vergangenheit. In neun Hauptstücken und einem abschließenden Gedicht greift er die Dogmatiker an, die er des Aberglaubens und der grammatischen Verführung bezichtigt. Er seziert die Vorurteile der Philosophen, das Wesen des Religiösen, Moral und ihre Geschichte, das Problem von Herren- und Sklavenmoral sowie die Aufgabe künftiger, „freier Geister". In aphoristischer Form und mit beißender Ironie entwirft er das Bild eines Denkers jenseits überlieferter Wertgegensätze.

Im Zentrum stehen Nietzsches große Themen: der Wille zur Macht, die Perspektivität aller Erkenntnis, die Kritik an Mitleid, Wahrheitsglauben und demokratischer Gleichheit. Indem er fragt, warum wir Wahrheit dem Irrtum vorziehen, stellt er die Fundamente abendländischen Denkens infrage. Das Werk gilt als Schlüsseltext der modernen Philosophie und prägte Existentialismus, Psychologie und Kulturkritik bis heute nachhaltig.

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How it begins

Vorausgesetzt, dass die Wahrheit ein Weib ist -, wie? ist der Verdacht nicht gegründet, dass alle Philosophen, sofern sie Dogmatiker waren, sich schlecht auf Weiber verstanden? dass der schauerliche Ernst, die linkische Zudringlichkeit, mit der sie bisher auf die Wahrheit zuzugehen pflegten, ungeschickte und unschickliche Mittel waren, um gerade ein Frauenzimmer für sich einzunehmen? Gewiss ist, dass sie sich nicht hat einnehmen lassen: - und jede Art Dogmatik steht heute mit betrübter und muthloser Haltung da. Wenn sie überhaupt noch steht! Denn es giebt Spötter, welche behaupten, sie sei gefallen, alle Dogmatik liege zu Boden, mehr noch, alle Dogmatik liege in den letzten Zügen. Ernstlich geredet, es giebt gute Gründe zu der Hoffnung, dass alles Dogmatisiren in der Philosophie, so feierlich, so end- und letztgültig es sich auch gebärdet hat, doch nur eine edle Kinderei und Anfängerei gewesen sein möge; und die Zeit ist vielleicht sehr nahe, wo man wieder und wieder begreifen wird, was eigentlich schon ausgereicht hat, um den Grundstein zu solchen erhabenen und unbedingten Philosophen-Bauwerken abzugeben, welche die Dogmatiker bisher aufbauten, - irgend ein Volks-Aberglaube aus unvordenklicher Zeit (wie der Seelen-Aberglaube, der als Subjekt- und Ich-Aberglaube auch heute noch nicht aufgehört hat, Unfug zu stiften), irgend ein Wortspiel vielleicht, eine Verführung von Seiten der Grammatik her oder eine verwegene Verallgemeinerung von sehr engen, sehr persönlichen, sehr menschlich-allzumenschlichen Thatsachen.

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