Josefine Mutzenbacher / oder Die Geschichte einer Wienerischen Dirne von ihr selbst erzählt
Josefine Mutzenbacher, geboren 1852 in der Wiener Vorstadt, erzählt in diesem fiktiven Bekenntnis ihr eigenes Leben als Dirne. Aus bitterer Armut in einer Ottakringer Zinskaserne stammend, schildert sie schonungslos ihre frühe sexuelle Erweckung, ihren Weg durch Freudenhäuser und Bordelle bis zum eleganten Aufstieg an der Seite reicher Herren. Reich, doch vereinsamt und auf einem Gut bei Klagenfurt zurückgezogen, schreibt sie ihre Jugendgeschichte nieder – ohne Reue, ohne Buße, als trotziges Zeugnis eines selbstbestimmten Lebens.
Der 1906 anonym erschienene Roman, Felix Salten zugeschrieben, ist weit mehr als ein erotisches Skandalwerk. Hinter der drastischen Offenheit verbirgt sich eine scharfe Sozialkritik: an Armut, Heuchelei und der doppelten Moral der bürgerlichen Gesellschaft. Mutzenbacher gibt jenen Frauen eine Stimme, deren Lebensgang sonst nirgends aufgeschrieben steht. Als kulturhistorisches Dokument des Wiener Fin de Siècle bleibt das Buch ebenso provokant wie literarisch bedeutsam – ein eigenwilliges Bekenntnis seelischer Aufrichtigkeit.
How it begins
Josefine Mutzenbacher – ihr Name lautete in Wirklichkeit ein wenig anders – wurde zu Wien, in der Vorstadt Hernals am 20. Februar 1852 geboren. Sie stand frühzeitig unter sittenpolizeilicher Kontrolle, und übte ihr Gewerbe zuerst in wohlfeilen Freudenhäusern, der äußeren Bezirke, dann im Dienste einer Kupplerin, die während des wirtschaftlichen Aufschwungs- und Ausstellungsjahres 1873 die vornehmere Lebewelt mit Mädchenware versorgte. Josefine verschwand damals mit einem Russen aus Wien, kehrte nach wenigen Jahren wohlhabend und glänzend ausgestattet in ihre Vaterstadt zurück, wo sie als Dirne der elegantesten Sorte noch bis zum Jahre 1894 ein auffallendes und vielbemerktes Dasein führte. Sie bezog dann in der Nähe von Klagenfurt ein kleines Gut, und verbrachte ihre Tage in ziemlicher Einsamkeit, zu der sich dann bald auch ihre Erkrankung gesellte. Während dieser Krankheit, einem Frauenleiden, dem Josefine später auch erlag, schrieb sie die Geschichte ihrer Jugend. Das Manuskript übergab sie, etliche Wochen vor der schweren Operation, an deren Folge sie starb, ihrem Arzt. Es erscheint hier als ein seltenes Dokument seelischer Aufrichtigkeit, als ein wertvolles und sonderbares Bekenntnis, das auch kulturgeschichtlich für das Liebesleben der Gegenwart Interesse verdient. An den Bekenntnissen der Josefine Mutzenbacher wurde im Wesentlichen nicht viel geändert. Nur sprachliche Unrichtigkeiten, stilistische Fehler wurden verbessert, und die Namen bekannter Persönlichkeiten, die Josefine in ihren Äußerungen meint, durch andere ersetzt. Sie starb den 17. Dezember 1904 in einem Sanatorium.
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