Der Steppenwolf
Dieses Buch versammelt die hinterlassenen Aufzeichnungen Harry Hallers, eines vereinsamten Mannes von etwa fünfzig Jahren, der sich selbst „Steppenwolf“ nennt – ein scheues, wildes Wesen, halb Mensch, halb Wolf, zerrissen zwischen bürgerlicher Sehnsucht nach Geborgenheit und der Verachtung eben dieser Welt. Lebensmüde und todessüchtig irrt er durch die Gassen einer Stadt, bis ihm ein rätselhafter „Tractat vom Steppenwolf“ und die Begegnung mit der lebenslustigen Hermine, dem Musiker Pablo und der schönen Maria einen neuen Weg weisen. Im „Magischen Theater“ schließlich wird ihm gespiegelt, wie viele Seelen in ihm wohnen.
Der Roman ergründet die Spaltung der modernen Seele, die Krise des Bürgertums und die Sehnsucht nach Ganzheit und Unsterblichkeit. Hesse verbindet bittere Zeitkritik mit der Lehre vom Humor und der Vielfalt des Ich. Als eindringliche Studie über Einsamkeit, Selbstfindung und die Überwindung der Verzweiflung bleibt er ein Schlüsselwerk der Moderne.
How it begins
D ieses Buch enthält die uns gebliebenen Aufzeichnungen jenes Mannes, welchen wir mit einem Ausdruck, den er selbst mehrmals gebrauchte, den „Steppenwolf“ nannten. Ob sein Manuskript eines einführenden Vorwortes bedürfe, sei dahingestellt; mir jedenfalls ist es ein Bedürfnis, den Blättern des Steppenwolfes einige beizufügen, auf denen ich versuche, meine Erinnerung an ihn aufzuzeichnen. Es ist nur wenig, was ich über ihn weiß, und namentlich ist seine ganze Vergangenheit und Herkunft mir unbekannt geblieben. Doch habe ich von seiner Persönlichkeit einen starken und, wie ich trotz allem sagen muß, sympathischen Eindruck behalten. Der Steppenwolf war ein Mann von annähernd fünfzig Jahren, der vor einigen Jahren eines Tages im Hause meiner Tante vorsprach und nach einem möblierten Zimmer suchte. Er mietete die Mansarde oben im Dachstock und die kleine Schlafkammer daneben, kam nach einigen Tagen mit zwei Koffern und einer großen Bücherkiste wieder und hat neun oder zehn Monate bei uns gewohnt. Er lebte sehr still und für sich, und wenn nicht die nachbarliche Lage unsrer Schlafräume manche zufällige Begegnung auf Treppe und Korridor herbeigeführt hätte, wären wir wohl überhaupt nicht miteinander bekannt geworden, denn gesellig war dieser Mann nicht, er war in einem hohen, von mir bisher bei niemandem beobachteten Grade ungesellig, er war wirklich, wie er sich zuweilen nannte, ein Steppenwolf, ein fremdes, wildes und auch scheues, sogar sehr scheues Wesen aus einer anderen Welt als der meinigen.
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