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Bahnwärter Thiel

by Gerhart Hauptmann

de · ~75 min at 250 WPM

Allsonntäglich sitzt Bahnwärter Thiel in der Kirche zu Neu-Zittau, ein Mann von herkulischer Gestalt und stillem, gutmütigem Gemüt. Nach dem frühen Tod seiner zarten ersten Frau Minna heiratet er die robuste Kuhmagd Lene – vor allem, um seinem schwächlichen Söhnchen Tobias eine Pflege zu sichern. Doch Lene erweist sich als herrschsüchtig und brutal, und Thiel duldet ihre Tyrannei in dumpfer Ergebenheit. Auf seinem einsamen Wärterposten im Kiefernwald flüchtet er sich in die Erinnerung an die Verstorbene. Als Lene den kränklichen Tobias vernachlässigt und ein Unglück geschieht, bricht in Thiel etwas Lange Verdrängtes mit verheerender Gewalt hervor.

Die 1888 entstandene Novelle gilt als Schlüsselwerk des deutschen Naturalismus. Hauptmann verbindet minutiöse Milieuschilderung mit psychologischer Tiefe und zeigt, wie Triebe, soziale Enge und unterdrückte Trauer einen einfachen Menschen zerstören. Die Eisenbahn als Sinnbild einer übermächtigen, mechanischen Moderne und der Zwiespalt zwischen Pflicht und innerem Aufruhr machen den Text bis heute eindringlich und bewegend.

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How it begins

Allsonntäglich saß der Bahnwärter Thiel in der Kirche zu Neu-Zittau, ausgenommen die Tage, an denen er Dienst hatte oder krank war und zu Bette lag. Im Verlaufe von zehn Jahren war er zweimal krank gewesen; das eine Mal infolge eines vom Tender einer Maschine während des Vorbeifahrens herabgefallenen Stückes Kohle, welches ihn getroffen und mit zerschmettertem Bein in den Bahngraben geschleudert hatte; das andere Mal einer Weinflasche wegen, die aus dem vorüberrasenden Schnellzuge mitten auf seine Brust geflogen war. Außer diesen beiden Unglücksfällen hatte nichts vermocht, ihn, sobald er frei war, von der Kirche fernzuhalten. Die ersten fünf Jahre hatte er den Weg von Schön-Schornstein, einer Kolonie an der Spree, herüber nach Neu-Zittau allein machen müssen. Eines schönen Tages war er dann in Begleitung eines schmächtigen und kränklich aussehenden Frauenzimmers erschienen, die, wie die Leute meinten, zu seiner herkulischen Gestalt wenig gepaßt hatte. Und wiederum eines schönen Sonntag Nachmittags reichte er dieser selben Person am Altare der Kirche feierlich die Hand zum Bunde fürs Leben. Zwei Jahre nun saß das junge, zarte Weib ihm zur Seite in der Kirchenbank; zwei Jahre blickte ihr hohlwangiges, feines Gesicht neben seinem vom Wetter gebräunten in das uralte Gesangbuch –; und plötzlich saß der Bahnwärter wieder allein wie zuvor. An einem der vorangegangenen Wochentage hatte die Sterbeglocke geläutet: das war das Ganze.

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