Das Urteil: Eine Geschichte
Es war an einem Sonntagvormittag, als Georg Bendemann, ein erfolgreicher junger Kaufmann, einen Brief an seinen Jugendfreund in Petersburg beendet. Diesem Freund, der sich in der Fremde mühsam und vergeblich abarbeitet, hat Georg seine eigenen geschäftlichen Erfolge und seine bevorstehende Verlobung lange verschwiegen. Nun teilt er ihm endlich die Verlobung mit. Doch als Georg davon seinem alten Vater berichtet, kippt das Gespräch ins Bedrohliche: Der Vater stellt die Existenz des Freundes in Frage, beschuldigt den Sohn der Falschheit und verhängt schließlich über ihn ein vernichtendes Urteil, dem Georg sich auf erschütternde Weise unterwirft.
Kafkas frühe Erzählung verdichtet auf engstem Raum den Konflikt zwischen Vater und Sohn, zwischen Selbstbehauptung und Schuld. Sie zeigt, wie rasch eine scheinbar gesicherte bürgerliche Ordnung in Abgrund und Ohnmacht umschlägt. Mit ihrer rätselhaften Wucht, der unheimlichen Vater-Figur und dem unausweichlichen Schluss gilt sie als Schlüsselwerk der modernen Literatur und als Auftakt zu Kafkas Erkundung von Macht, Angst und Ausweglosigkeit.
How it begins
Es war an einem Sonntagvormittag im schönsten Frühjahr. Georg Bendemann, ein junger Kaufmann, saß in seinem Privatzimmer im ersten Stock eines der niedrigen, leichtgebauten Häuser, die entlang des Flusses in einer langen Reihe, fast nur in der Höhe und Färbung unterschieden, sich hinzogen. Er hatte gerade einen Brief an einen sich im Ausland befindenden Jugendfreund beendet, verschloß ihn in spielerischer Langsamkeit und sah dann, den Ellbogen auf den Schreibtisch gestützt, aus dem Fenster auf den Fluß, die Brücke und die Anhöhen am anderen Ufer mit ihrem schwachen Grün. Er dachte darüber nach, wie dieser Freund, mit seinem Fortkommen zu Hause unzufrieden, vor Jahren schon nach Rußland sich förmlich geflüchtet hatte. Nun betrieb er ein Geschäft in Petersburg, das anfangs sich sehr gut angelassen hatte, seit langem aber schon zu stocken schien, wie der Freund bei seinen immer seltener werdenden Besuchen klagte. So arbeitete er sich in der Fremde nutzlos ab, der fremdartige Vollbart verdeckte nur schlecht das seit den Kinderjahren wohlbekannte Gesicht, dessen gelbe Hautfarbe auf eine sich entwickelnde Krankheit hinzudeuten schien. Wie er erzählte, hatte er keine rechte Verbindung mit der dortigen Kolonie seiner Landsleute, aber auch fast keinen gesellschaftlichen Verkehr mit einheimischen Familien und richtete sich so für ein endgültiges Junggesellentum ein. Was wollte man einem solchen Manne schreiben, der sich offenbar verrannt hatte, den man bedauern, dem man aber nicht helfen konnte.
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