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Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents. Band 2.

by Alexander von Humboldt

de · ~445 min at 250 WPM

Der zweite Band von Humboldts „Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents“ führt den Leser von den Missionen am Caripe zurück zum Ausgangspunkt der Reise und tiefer ins Binnenland Südamerikas hinein – nach Cumaná, Nueva Barcelona und an die Ufer des Orinoco. Humboldt unterbricht den Reisebericht, um die Eingeborenenstämme Neu-Andalusiens umfassend zu betrachten: ihre Zahl, ihre Sitten, ihre Sprachen und ihren gemeinsamen Ursprung. Aus Sprachverwandtschaft und Körperbildung versucht er, die zerstreuten Völkerschaften zu gruppieren und die Spuren ihrer weiten Wanderungen zu verfolgen.

Das Werk verbindet genaue Naturbeobachtung mit früher Völkerkunde und stellt kritische Fragen nach Kultur, „Barbarei“ und dem vermeintlichen Naturzustand des Menschen. Humboldt widerspricht dem europäischen Vorurteil, freie Indianer seien bloß umherziehende Jäger, und erinnert an den uralten Ackerbau der Tropen. So wird der Band zu einem Schlüsseltext humanistischer Wissenschaft, der die ursprüngliche Einheit des Menschengeschlechts behauptet und die Grundlagen moderner Geographie und Ethnographie legt.

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How it begins

Der Beschreibung unserer Reise nach den Missionen am Caripe wollte ich keine allgemeinen Betrachtungen über die Stämme der Eingeborenen, welche Neu-Andalusien bewohnen, über ihre Sitten, ihre Sprache und ihren gemeinsamen Ursprung einflechten. Jetzt, da wir wieder am Orte sind, von dem wir ausgegangen, möchte ich alles dieß, das für die Geschichte des Menschengeschlechts von so großer Bedeutung ist, unter Einem Gesichtspunkt zusammenfassen. Je weiter wir von jetzt an ins Binnenland eindringen, desto mehr wird uns das Interesse für diese Gegenstände, den Erscheinungen der physischen Natur gegenüber, in Anspruch nehmen. Der nordöstliche Theil des tropischen Amerikas, Terra Firma und die Ufer des Orinoco, gleichen hinsichtlich der Mannigfaltigkeit der Völkerschaften, die sie bewohnen, den Thälern des Caucasus, den Bergen des Hindoukho, dem nördlichen Ende Asiens jenseits der Tungusen und Tartaren, die an der Mündung des Lena hausen. Die Barbarei, die in diesen verschiedenen Landstrichen herrscht, ist vielleicht nicht sowohl der Ausdruck ursprünglicher völliger Culturlosigkeit, als vielmehr die [pg 002] Folge langer Versunkenheit. Die meisten der Horden, die wir Wilde nennen, stammen wahrscheinlich von Völkern, die einst auf bedeutend höherer Culturstufe standen, und wie soll man ein Stehenbleiben im Kindesalter der Menschheit (wenn ein solches überhaupt vorkommt) vom Zustand sittlichen Verfalls unterscheiden, in dem Vereinzelung, die Noth des Lebens, gezwungene Wanderungen, oder ein grausames Klima jede Spur von Cultur ausgetilgt haben?

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