Faust: Eine Tragödie [erster Teil]
Auf einem niedrigen Herde brodelt ein Kessel über dem Feuer, von Meerkatzen umlagert: Faust und Mephistopheles betreten die Hexenküche, wo der alternde Gelehrte einen Trank zur Verjüngung sucht. Während Mephistopheles über die spöttischen Tiere lästert und die Hexe herbeibeschwört, erblickt Faust in einem Zauberspiegel das Bild einer vollkommen schönen Frau und entbrennt in glühender Sehnsucht. Der Zaubertrank soll ihn nicht nur jung machen, sondern auch sein Verlangen entfachen — und treibt ihn so der verhängnisvollen Begegnung mit Gretchen entgegen.
Goethes Tragödie verbindet Gelehrtenverzweiflung, Teufelspakt und Liebestragödie zu einem Sinnbild des rastlosen, nie befriedigten Menschen. Sie verhandelt das Streben nach Erkenntnis, Genuss und ewiger Jugend, die Verführung durch das Böse und die Schuld, die aus grenzenlosem Wollen erwächst. Als Höhepunkt der deutschen Literatur stellt das Werk bis heute die Frage, wie viel ein Mensch zu opfern bereit ist, um alles zu erleben.
How it begins
Auf einem niedrigen Herde steht ein großer Kessel über dem Feuer. In dem Dampfe, der davon in die Höhe steigt, zeigen sich verschiedne Gestalten. Eine Meerkatze sitzt bey dem Kessel und schäumt ihn, und sorgt daß er nicht überläuft. Der Meerkater mit den Jungen sitzt darneben und wärmt sich. Wände und Decke sind mit dem seltsamsten Hexenhausrath ausgeschmückt. Faust. Mephistopheles. Faust. Mir widersteht das tolle Zauberwesen! Versprichst du mir, ich soll genesen, In diesem Wust von Raserey? Verlang’ ich Rath von einem alten Weibe? Und schafft die Sudelköcherey Wohl dreyßig Jahre mir vom Leibe? Weh mir, wenn du nichts bessers weißt! Schon ist die Hoffnung mir verschwunden. Hat die Natur und hat ein edler Geist Nicht irgend einen Balsam ausgefunden? Mephistopheles. Mein Freund, nun sprichst du wieder klug! Doch zu verjüngen, gibt’s auch ein natürlich Mittel; Allein es steht in einem andern Buch, Und ist ein wunderlich Capitel. Faust. Ich will es wissen. Mephistopheles. Gut! Ein Mittel, ohne Geld Und Arzt und Zauberey, zu haben: Begib dich gleich hinaus aufs Feld, Fang’ an zu hacken und zu graben, Erhalte dich und deinen Sinn In einem ganz beschränkten Kreise, Ernähre dich mit ungemischter Speise, Leb’ mit dem Vieh als Vieh, und acht’ es nicht für Raub, Den Acker, den du ärndest, selbst zu düngen; Das ist das beste Mittel, glaub’, Auf achtzig Jahr dich zu verjüngen! Faust.
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