In Stahlgewittern, aus dem Tagebuch eines Stoßtruppführers
Noch unter dem Schatten des eben erst beendeten Krieges schildert Ernst Jünger in „In Stahlgewittern" seine Erlebnisse als Schütze und Stoßtruppführer an der Westfront. Aus seinen unmittelbar an der Front geführten Kriegstagebüchern entstanden, folgt das Buch dem jungen Freiwilligen von den ersten Gefechten 1915 über die Materialschlachten an Somme und in Flandern bis zu den letzten großen Offensiven 1918. Mit nüchternem, fast sachlichem Blick beschreibt Jünger das Leben im Graben, nächtliche Patrouillen ins Niemandsland, Sturmangriffe, Verwundungen und den allgegenwärtigen Tod.
Jünger will nicht beschreiben, wie es hätte sein können, sondern wie es war — ohne Idealisierung, ohne Heldenpathos. Im Mittelpunkt stehen die „Materialschlacht", in der selbst der Mensch zum Material wird, sowie das innere Erleben des Einzelnen zwischen Pflicht, Ehre und entfesselter Vernichtung. Gerade in seiner kühlen Distanz wurde das Werk zu einem der einflussreichsten und umstrittensten Zeugnisse des Ersten Weltkriegs.
How it begins
N och wuchtet der Schatten des Ungeheuren über uns. Der gewaltigste der Kriege ist uns noch zu nahe, als daß wir ihn ganz überblicken, geschweige denn seinen Geist sichtbar auskristallisieren können. Eins hebt sich indes immer klarer aus der Flut der Erscheinungen: Die überragende Bedeutung der Materie. Der Krieg gipfelte in der Materialschlacht; Maschinen, Eisen und Sprengstoff waren seine Faktoren. Selbst der Mensch wurde als Material gewertet. Die Verbände wurden wieder und wieder an den Brennpunkten der Front zur Schlacke zerglüht, zurückgezogen und einem schematischen Gesundungsprozeß unterworfen. „Die Division ist reif für den Großkampf.“ Das Bild des Krieges war nüchtern, grau und rot seine Farben; das Schlachtfeld eine Wüste den Irrsinns, in der sich das Leben kümmerlich unter Tage fristete. Nachts wälzten sich müde Kolonnen auf zermahlenen Straßen dem brandigen Horizont entgegen. „Licht aus!“ Ruinen und Kreuze säumten den Weg. Kein Lied erscholl, nur leise Kommandoworte und Flüche unterbrachen das Knirschen der Riemen, das Klappern von Gewehr und Schanzzeug. Verschwommene Schatten tauchten aus den Rändern zerstampfter Dörfer in endlose Laufgräben. Nicht wie früher umrauschte Regimentsmusik ins Gefecht ziehende Kompagnien. Das wäre Hohn gewesen. Keine Fahnen schwammen wie einst im Pulverdampf über zerhackten Karrees, das Morgenrot leuchtete keinem fröhlichen Reitertage, nicht ritterlichem Fechten und Sterben. Selten umwand der Lorbeer die Stirn des Würdigen. Und doch hat auch dieser Krieg seine Männer und seine Romantik gehabt!
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